Rabbi Walter Rothschild zum Mobbing gegen den jüdischen Schüler an der Gemeinschaftsschule Berlin-Friedenau im Interview mit dem Marie-Josenhans-Institut am 15. April 2017: „Seit Jahren, fast jedes Semester, gehen ein oder zwei Schüler.“
geschrieben am 16. April 2017, geändert am 29. Mai 2017 und am 5. Juli 2017
Der Berliner Rabbi Walter Rothschild gab dem Marie-Josenhans-Institut am 15. April 2017 in Wien ein Video-Interview.
Zum Mobbing gegen den 14jährigen jüdischen Schüler an der Gemeinschaftsschule Berlin-Friedenau sagte Rothschild im Video:
„Was mich interessiert daran, ist, was für einen großen Aufruhr das jetzt verursacht hat, weil das ist schon seit Jahren passiert: Seit Jahren, fast jedes Semester gehen ein oder zwei Schüler. Die Eltern hören auf mit ihrem Optiminismus von Multi-Kulti, die Kinder haben wirklich schlechte Noten und schlechte Laune und wollen nicht in die Schule gehen. Und irgendwann sagt jemand: ‚Schluss damit, wir gehen in die Jüdische Oberschule.‘ Ich bin in Berlin seit 1998 und ich kann keine echte Statistik geben, aber ich habe häufig solche Geschichten gehört.“
Der Kommentar des Marie-Josenhans-Instituts:
In seiner Äußerung kritisierte Rothschild das Mobbing gegen jüdische Schüler an staatlichen Berliner Schulen als Normal- und Dauerzustand. Ein Zustand, der offenbar jahrelang von Berlins Regierung so hingenommen wurde – also so lange, dass Rothschild sich nun über den „großen Aufruhr“ wundern muss, den der jüngst bekannt gewordene Mobbingfall erregt hat. Rothschild hatte also schon längst die Hoffnung aufgegeben, dass der Dauerskandal einmal zum Medienthema wird – die Voraussetzung dafür, dass sich etwas ändert. Wenn jedes Jahr mehrere jüdische Schüler die staatliche Schule wegen Mobbings verlassen mussten, dann hat Rothschild seit seiner Ankunft in Berlin im Jahr 1998 schon Dutzende solch böser Geschichten hören müssen. Rothschilds Vertrag als Rabbiner wurde schon nach anderthalb Jahren Dienstzeit von der Jüdischen Gemeinde gekündigt. Haben nicht nur die Mitglieder der Berliner Regierung, sondern auch die Verantwortlichen der Jüdischen Gemeinde bei diesem Thema weggesehen ?
Rothschilds bittere Worte lassen tief blicken. Sie zeigen ein staatliches Schulsystem, das sich für jüdische Schüler offenbar nicht interessiert. Und zwar für solche jüdische Schüler, die nach einem Weg, nach ihrem Weg in unserer Gesellschaft suchen – und feststellen müssen, dass der von ihnen zunächst gewählte Weg blockiert ist. 1921 beklagte der Dichter Jakob Wassermann in seinem Buch „Mein Weg als Deutscher und Jude“, dass er nicht beide Wege gehen könne.
Warum können junge Juden nicht auch in aller Ruhe – wie ihre Altersgenossen anderen Glaubens und anderer Herkunft – an staatlichen Schulen in Ruhe lernen ?
Rothschild ist nicht gegen Optimismus, er ist nicht gegen Multi-Kulti. Er sagt, dass unser Ideal einer multikulturellen Gesellschaft scheitern muss, wenn die Gesellschaft keine Kultur respektiert. Das ist eine allzu berechtigte Kritik an einer Realität, die man ändern muss – und keine Kritik an einem Ideal.