Alan Posener in seiner Email vom 18. Mai 2017 an die Kollegen vom Berliner „Tagesspiegel“: „Wenn es um Juden und Israel geht, werden alle Klischees aufgefahren, die zur Verfügung stehen.“
geschrieben am 13. Juni 2017, geändert am 5. Juli 2017
Der Berliner „Tagesspiegel“ berichtete am 18. Mai 2017 über den 14jährigen jüdischen Schüler, der an seiner Schule in Berlin-Friedenau gemobbt worden war. Die Überschrift: „Der Jude als Klassenfeind“. Dabei ein Foto von einem Jugendlichen mit Kippa, der in der Schule eine Treppe hinunterläuft. Der gemobbte jüdische Junge hatte aber in der Schule nie eine Kippa getragen. Ist es in Ordnung, einen Artikel über einen jüdischen Schüler, der keine Kippa trägt, mit einem Foto zu illustrieren, auf dem ein Schüler mit Kippa zu sehen ist ?
Das Marie-Josenhans-Institut schrieb an den „Tagesspiegel“ – und an den Journalisten Alan Posener. Posener hatte die Medien schon früh dafür kritisiert, dass sie bei Berichten über den gemobbten Schüler Fotos von Jugendlichen mit Kippa zeigen. Alan Posener reagierte sofort – mit einer Email an den „Tagesspiegel“. Auch Armin Langer hatte etwas zu sagen. Vom „Tagesspiegel“ dagegen kam keine Antwort.
1) Email des Marie-Josenhans-Instituts an den „Tagesspiegel“ und an Alan Posener
Datum: 18. Mai 2017
Betreff: Artikel „Der Jude als Klassenfeind“ von Hannes Heine (mit einem Foto von Daniel Bockwoldt, DPA)
An die „Tagesspiegel“-Redaktion
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe heute den Artikel „Der Jude als Klassenfeind“ von Hannes Heine auf Ihrer Internetseite gesehen:
http://www.tagesspiegel.de/themen/reportage/antisemitismus-in-berliner-schulen-der-jude-als-klassenfeind/19814204.html
Dieser Artikel erwähnt ausdrücklich das Mobbing gegen einen jüdischen Schüler in Friedenau. Es heißt im Artikel:
„In Friedenau hatten einige Jungen einen jüdischen Mitschüler beleidigt, ihn auf dem Nachhauseweg verfolgt und dafür gesorgt, dass ‚der Jude‘ von anderen gemieden wurde. Schließlich bedrohten sie den 14-Jährigen mit einer Spielzeugpistole, die wie eine echte Waffe aussah. Und schlugen zu. Die Täter waren keine Neonazis, sondern Kinder arabischer und türkischer Einwanderer. Ihre Schule gehört zum Netzwerk ‚Schule ohne Rassismus‘, einer verdienstvollen Initiative. Auch die Lehrer gelten als engagiert.“
Das Foto zum Artikel zeigt einen Jungen, der in einem Treppenhaus die Treppe hinuntergeht oder hinunterläuft; dabei hält er mit einer Hand seine Kippa fest, auf der hebräische Buchstaben zu sehen sind. Das Treppenhaus auf dem Foto ist offenbar das Treppenhaus einer Schule – und es sieht so aus, als laufe der Junge vor etwas weg, als sei er auf der Flucht vor seinen Mitschülern.
Schon in seinem Artikel vom 13. April 2017 „Der hilflose Anti-Antisemitismus“ kritisierte Alan Posener die Medien, die in ihren Berichten über das Mobbing gegen den 14jährigen Fotos eines Jungen mit Kippa zeigten.
https://www.welt.de/debatte/kommentare/article163675459/Der-hilflose-Anti-Antisemitismus.html
Posener schrieb: „Auch die Medien, die gegen den Antisemitismus an der Schule Stellung nahmen, zierten ihre Artikel mit Bildern eines Jungen mit Kippa – der Kopfbedeckung mancher religiösen Juden – und transportierten damit Vorurteile. Denn in Israel ist mehr als die Hälfte der jüdischen Bevölkerung nicht religiös – in der Diaspora dürfte der Anteil noch höher sein. Und nicht alle religiösen Juden tragen eine Kippa, so wie nicht alle muslimischen Frauen ein Kopftuch tragen. Der Junge tat es jedenfalls nicht. Nicht sein ‚offener Umgang mit seiner Religion‘ ist das Problem, sondern das offene Ausleben von Rassismus an einer Schule, die angeblich couragiert den Rassismus bekämpft.“
Nochmals: Werden Fotos von einem Schüler mit Kippa einem Artikel über das Mobbing gegen den 14jährigen beigegeben, so wird der falsche Eindruck erweckt, dass der 14jährige eine Kippa getragen hat. Auch sonst ist mir kein Fall bekannt, in welchem jüdische Schülerinnen oder Schüler, die als Juden gemobbt wurden, in ihrer Schule eine Kippa trugen.
Wir sind schon an einem Punkt angelangt, wo Medien die Aussage eines Kirchenpräsidenten verbreiten, der 14jährige jüdische Schüler habe eine Kippa getragen (siehe die Korrespondenz unten). Das darf nicht sein.
Ich bitte Sie, Ihre Artikel über das Mobbing gegen den 14jährigen, aber auch über das Mobbing gegen jüdische Schüler allgemein nicht mehr mit dem irreführenden Foto eines Jungen mit Kippa zu illustrieren. Solche Fotos begünstigen das Missverständnis (und, wie Herr Posener richtig sagt, das „Vorurteil“), dass gemobbte jüdische Schüler eine Kippa in der Schule tragen. Am besten wäre es, wenn Sie das Foto im Internet durch ein anderes ersetzen könnten.
Für eine Stellungnahme wäre ich dankbar.
Zur Information sende ich diese Email auch an Herrn Posener.
Freundliche Grüße
Soonim SHIN
2) Email von Alan Posener an den „Tagesspiegel“ und an das Marie-Josenhans-Institut
Datum: 18. Mai 2017
Betreff: AW: Artikel „Der Jude als Klassenfeind“ von Hannes Heine (mit einem Foto von Daniel Bockwoldt, DPA)
Liebe Kolleginnen,
Soonim Shin hat Recht. Wenn es um Juden und Israel geht, werden alle Klischees aufgefahren, die zur Verfügung stehen. Im Film ertönt, wenn ein Jude erscheint, natürlich Klezmermusik, obwohl die meisten Juden eine Aversion gegen jaulende Klarinetten haben; will man einen Artikel über Israel illustrieren – was liegt näher, als orthodoxe Juden an der Klagemauer zu zeigen, obwohl die meisten Israelis nicht in Jerusalem wohnen und die meisten Jerusalemer nicht orthodox sind; und wenn es um Juden in der Diaspora geht, muss die Kippa her, obwohl die meisten Juden außerhalb der Synagoge, so sie die überhaupt besuchen, keine Kippa tragen.
Das ist nicht minder irreführend, als wenn man jeden Artikel über Deutsche illustrieren würde mit Lederhosen, Bier und blonden Bestien; oder mit Karfreitagsprozessionen und dergleichen.
Kollegiale Grüße von der Dutschkestraße hinüber zum Anhalter Bahnhof von
Alan Posener
3) Email von Armin Langer an das Marie-Josenhans-Institut
Datum: 19. Mai 2017
Betreff: Re: Foto von einem Jungen mit Kippa (Bild zu einem Artikel über Mobbing gegen jüdische Schüler)
Danke für den Hinweis.
Herr Posener hat völlig Recht! Die Repräsentation von Juden in deutschen Medien ist absolut irreführend.
(…)
Armin Langer