Armin Langer, Gründer der Salaam-Schalom-Initiative, am 4. April 2017 in einer Email an das Marie-Josenhans-Institut: „Die Familie wollte tatsächlich, dass unsere Initiative die Schulklasse besucht, leider ist die Schulleitung nicht auf das Angebot zurückgekommen.“
geschrieben am 5. April 2017
Marie-Josenhans-Institut fragt: Warum ruft Schulleiter Uwe Runkel nicht sofort die Feuerwehr, wenn es brennt ?
Ein 14jähriger erzählte seinen Klassenkameraden im Ethik-Unterricht, er sei Jude. Darauf quälten ihn einige Mitschüler in seiner Berliner Schule monatelang: sie beleidigten ihn, schlugen und traten ihn. Die Mutter des 14jährigen informierte den Schulleiter Uwe Runkel – dennoch änderte sich nichts. Im Gegenteil: Im März 2017 überfielen Mitschüler ihren Sohn an einer Bushaltestelle, würgten ihn, zogen eine Pistole und schossen auf ihn. Erst später war klar: Die Pistole war eine Spielzeugpistole, die Kugeln aus Plastik. Der 14jährige erlitt einen Schock. Die Täter sind Jugendliche aus türkischen und arabischen Familien.
Die Mutter des Opfers kommentierte das Verhalten des Schulleiters in der Londoner Zeitung „Jewish Chronicle“ so: „The principal ‚made all the right noises‘, but did nothing, she said.“ (Der Direktor hat das richtige Echo von sich gegeben, aber nichts getan.)
Diesen Vorwurf wies Schulleiter Runkel in einem Offenen Brief auf der Internetseite der Schule zurück. Er schrieb unter anderem: „Weiterhin wurde Kontakt mit dem Projekt Salaam-Schalom aufgenommen, um hier Unterstützung für entsprechende Klassenprojekte einzuholen.“
Salaam-Schalom ist eine Initiative in Berlin, die sich für ein besseres Miteinander von Muslimen und Juden einsetzt; jeweils ein muslimisches und ein jüdisches Mitglied der Initiative besuchen auch Schulklassen, um die Schüler zum Nachdenken über Antisemitismus, Islamophobie, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bringen.
Schulleiter Runkel hatte also Kontakt mit Salaam-Schalom aufgenommen. Das Problem nur: Es blieb bei der Kontaktaufnahme; eingeladen wurde die Initiative aber nicht. Armin Langer, der Gründer von Salaam-Schalom, teilte dem Marie-Josenhans-Institut am 4. April 2017 per Email mit: „Die Familie wollte tatsächlich, dass unsere Initiative die Schulklasse besucht, leider ist die Schulleitung nicht auf das Angebot zurückgekommen.“ In der „Huffington Post“ sagte Langer weiter: „Ich kann natürlich nicht garantieren, dass es nicht zu der Tat gekommen wäre. Aber es hätte hoffentlich einiges bewegt, wenn uns die Schüler getroffen hätten. Denn wir schicken immer ein muslimisches und ein jüdisches Mitglied unserer Organisation gemeinsam in die Klassen. Es ist wichtig zuzuhören; es ist wichtig, dass die Kinder lernen, zu reflektieren.“
In dem erwähnten Artikel des „Jewish Chronicle“ wird auch Schulleiter Runkel zitiert: „He said ‚a general approach in the school to antisemitism‘ was clearly needed, and was being developed.“ (Er sagte, eine allgemeine Strategie der Schule gegenüber dem Antisemitismus sei offensichtlich nötig, und diese werde entwickelt.“) Und in seinem Offenen Brief schreibt Runkel: „Der aktuelle Fall ist der erste, bei dem das Kollegium der Friedenauer Gemeinschaftsschule das Problem des Antisemitismus wahrgenommen hat.“
Mit anderen Worten: Der Schulleiter weiß offenbar nicht, wie er mit Antisemitismus in der Schule umgehen soll – es sei ja der erste Fall gewesen – aber er werde sich etwas einfallen lassen … Allerdings ist die Schule eine „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ und Mitgliedsschule des gleichnamigen Netzwerks.
Wieso hat Schulleiter Runkel nicht einfach Salaam-Schalom eingeladen ? Er hätte alles tun müssen, um seinem 14jährigen Schüler weitere Quälereien zu ersparen.
Schon zuvor hatte Runkel eine seltsame Unschlüssigkeit an den Tag gelegt: Wie der „Tagesspiegel“ berichtete, sind die Großeltern des Opfers Holocaust-Überlebende und hatten als Zeitzeugen in der Klasse des Jungen gesprochen. Die Großeltern wollten auch andere Klassen besuchen, durften aber nicht. Runkel: „Ich stand dem positiv gegenüber, aber wollte erst ein Konzept mit dem Schulteam dazu erarbeiten.“
Was ist das für eine Schule, was ist das für ein Schulleiter ? Wenn es brennt, werden in Berlin-Friedenau offenbar erst einmal in aller Ruhe Konzepte entwickelt, anstatt die Feuerwehr zu rufen. Eine staatliche Schule muss aber sofort die Menschenrechte ihrer Schüler schützen – mit allen Mitteln.
Im ARD-Beitrag heißt es: „Zu spät habe sich die Schule an die Antidiskriminierungsstelle des Landes gewendet, kritisiert Berlins Schulsenatorin.“ Sandra Scheeres sagte nämlich: „Deswegen ist ja diese Stelle da letztendlich, wenn solche Diskriminierungsfälle auftreten, dass wir zum einen neutral auf die Situation schauen, aber auch eben dann die Schulen entsprechend unterstützen – das ist ein bisschen zu spät hier eingetroffen.“
Ergänzung vom 8. April 2017:
Der im Artikel erwähnte „Offene Brief“ von Schulleiter Uwe Runkel von Ende März 2017 wurde inzwischen von der Homepage der Schule gelöscht. Das Marie-Josenhans-Institut dokumentiert diesen Brief daher im Artikel unten.
Der TV-Bericht in den ARD-„Tagesthemen“ vom 3. April 2017