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Professor Noam Chomsky, Träger des Carl-von-Ossietzky-Preises für Zeitgeschichte und Politik, in seiner Email vom 1. August 2017 an das Marie-Josenhans-Institut: „Thanks. Important discoveries.“

geschrieben am 7. August 2017

Am 1. August 2017 bekam das Marie-Josenhans-Institut elektronische Post – von Noam Chomsky. Chomsky bedankte sich für die Email des Instituts vom gleichen Tag – er schrieb: „Thanks. Important discoveries.“ Als „wichtige Entdeckungen“ also bezeichnete Chomsky die Erkenntnisse, die sich aus dem vom Marie-Josenhans-Institut gefundenen Eichmann-Gruppenfoto ergeben.

Die Korrespondenz mit Chomsky im Wortlaut:

1) Antwort von Noam Chomsky vom 1. August 2017 an das Marie-Josenhans-Institut

Von: Noam Chomsky
An: Soonim Shin
Datum: 1. August 2017 um 19:10

Thanks. Important discoveries.

2a) Email des Marie-Josenhans-Instituts vom 1. August 2017 an Noam Chomsky

Von: Soonim Shin
An: chomsky@mit.edu
Datum: 1. August 2017 um 10:05

Dear Professor Chomsky,
Thank you so much for your kind replies from 6th June.
The found Eichmann group photo can now be seen in better resolution at Youtube:

Dr. Martin Cüppers from Stuttgart University has told me now that on the collar mirrors of these men there is no „SD“ (for „Sicherheitsdienst“, the SS Secret Service), but an „Sp“, which stands for „Transportstandarte Speer“, related to its commander Albert Speer.

https://de.wikipedia.org/wiki/Transportkorps_Speer

However, Dr. Cüppers did not believe that the man in the centre is Eichmann. But – as one can see in my 4800 dpi scan – there is even the scar on Eichmann’s chin (just zoom into the picture „Man No. 10“ which I attach, showing Eichmann sitting in the first row).

So Eichmann’s company was part of Albert Speer’s transport unit.

According to an account of a Speer transport unit member, quoted by German historian Dorothee Hochstetter, Speer’s trucks were used to „in the context of“ deporting and killing Jews near Lemberg (see my correspondence below with Professor Rathkolb, Head of Institut für Zeitgeschichte at Vienna University).

Here just the link to Institut für Zeitgeschichte (my translation: „Institute for Contemporary History“) at Vienna University:

http://www.univie.ac.at/zeitgeschichte/

As the man left from Eichmann – who seems to be similar to Alois Brunner (see the attached comparison of this man and Brunner) – holds a lantern in his hand, I wonder whether the found photo shows a commemoration for killed SD chief Reinhard Heydrich and the start of „Aktion Reinhardt“, „dedicated“ to Heydrich.

https://en.wikipedia.org/wiki/Operation_Reinhard

Kind regards from Vienna

Soonim SHIN

2b) Email des Marie-Josenhans-Instituts vom 1. August 2017 an Noam Chomsky – Anhang 1: Korrespondenz mit Professor Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien

Von: Oliver Rathkolb An: Soonim Shin
Datum: 27. Juli 2017 um 09:16
Betreff: Re: Gefundenes Foto – Ihre Antwort vom 10. März 2017

Vielen Dank für die Informationen
beste Grüße

Oliver Rathkolb

Univ.-Prof. Dr. Dr. Oliver Rathkolb
Vorstand des
Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien
A-1090 Wien, Spitalgasse 2, Hof 1

Von: Soonim Shin
An: oliver.rathkolb@univie.ac.at, florian.wenninger@univie.ac.at
Datum: 23. Juli 2017 um 9:22
Betreff: Gefundenes Foto – Ihre Antwort vom 10. März 2017

Sehr geehrter Herr Professor Rathkolb,
sehr geehrter Herr Mag. Wenninger,

vielen Dank für Ihre Antwort vom 10. März 2017.

Das von mir gefundene Foto ist in meinem Video bei Youtube zu sehen:

Am Mittwoch hatte ich Herrn Professor Pyta über den Fund informiert; noch am gleichen Tag antwortete mir Herr Privatdozent Martin Cüppers (siehe Emails unten).

Ja, die Personen auf dem von mir gefundenen Gruppenfoto tragen Uniformen des NSKK. Auf den Kragenspiegeln steht „Sp“. Sie sind damit Angehörige der „Transportstandarte Speer“ bzw. des „Transportkorps Speer“.

Der Wikipedia-Artikel zum „Transportkorps Speer“:

https://de.wikipedia.org/wiki/Transportkorps_Speer

Bilder von Uniformen des „Transportkorps Speer“ im Internet:

http://www.warrelics.eu/forum/non-combat-uniforms-related-insignia-thi
rd-reich/transport-gruppe-todt-speer-uniforms-4729/

Allerdings trägt eine Person auf dem Foto eine SS-Uniform, und zwar der Mann links neben Eichmann, der das Windlicht in der Hand hält.

In dem Buch „Motorisierung und ‚Volksgemeinschaft‘. Das Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps (NSKK) 1931 – 1945“ von Dorothee Hochstetter (R. Oldenbourg Verlag München 2005) findet sich
auch ein Unterkapitel „Kriegsverbrechen und Judenmord“. Auf Seite 474 spricht Hochstetter über die Aktivitäten der 17. Kompanie der Transportstandarte Speer, die mit 2000 Autos und Lastwagen
„Transportaufgaben“ um Lemberg wahrnahm. Die Kompanie war „verpflichtet, den Fahrzeuganforderungen der SS- und Polizeiverbände zu entsprechen.“ Hochstetter zitiert die Aussage eines Zeugen, der als „Schirrmeister“ in dieser Kompanie tätig war: „In den Meldungen der Kolonnenführer über die Einsätze kam nicht zum Ausdruck, wofür die Lkw benötigt wurden. […] Dabei ist mir auch in Gesprächen mit Kolonnenführern zu Ohren gekommen, dass Fahrzeuge unserer Kompanie zum Abtransport von Juden benutzt worden sind. Es war auch bekannt, dass diese Abtransporte des öfteren im Zusammenhang mit den geplanten Judenexekutionen standen. Einzelheiten solcher Maßnahmen sind mir jedoch nicht bekannt.“

Hochstetter resümiert: „Es ist zweifelhaft, ob die arbeitsteilige Trennung in nur für Baumaßnahmen zuständige OT- bzw. NSKK-Einheiten auf der einen Seite und in nur für die Bewachung, Sammlung und
Ermordung von Gefangenen zuständige SS- und Polizeieinheiten in jedem Fall eingehalten wurde.“ („OT“ bedeutet „Organisation Todt“.)

Das gefundene Foto zeigt, dass SD-Mann Adolf Eichmann, Inhaber des Eisernen Kreuzes, und „seine Männer“, also die „Organisation Eichmann“, im Zweiten Weltkrieg den Judenmord VOR ORT organisierten, und zwar ALS ANGEHÖRIGE DER TRANSPORTSTANDARTE SPEER.

Im Anhang sende ich eine Gegenüberstellung des „Wikipedia-Fotos“ von Eichmann und den Ausschnitt meines Gruppenfotos, der Eichmann zeigt. Ich sende die beiden Fotos auch als separate Dateien.
Unten finden Sie auch die Korrespondenz mit Herrn Professor Brocke.

Freundliche Grüße

Soonim SHIN
Magistra Artium (M. A.)
Wien

2c) Email des Marie-Josenhans-Instituts vom 1. August 2017 an Noam Chomsky – Anhang 2: Korrespondenz mit Privatdozent Dr. Martin Cüppers, wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart

Von: Martin Cueppers
Datum: 19. Juli 2017 um 22:56
Betreff: gefundenes Foto

Sehr geehrte Frau Shin,

schönen Dank für Ihre E-Mail, die mir Herr Pyta mit dem Link zu Ihrem Foto zugeleitet hat. Als wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart darf ich kurz
folgendes zu dem Foto ausführen: Wirklich eindeutig sind darauf uniformierte Angehörige der „NSKK-Transportgruppe Todt“, später „Transportstandarte Speer“ und schließlich „Transportkorps Speer“ zu
erkennen. Das war eine Transport- und Bautruppe, die organisatorisch zum Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK) gehörte und bspw. auch in Wiener Neustadt am Bau von Flugzeugwerken beteiligt war, was wiederum eine Verbindung zu Gruber plausibilisieren könnte.

Anders als Sie vermuten, ist eben auf den rechten Kragenspiegeln kein „SD“ zu erkennen, sondern das Kürzel „Sp“, was die abgebildeten Männer als Einheit dieses besagten „NSKK-Transportkorps Speer“
ausweist.

Für Uniformen der SS fehlen den Abgebildeten etliche ganz typische Merkmale wie den fast sprichwörtlichen Totenkopf auf den Mützen.

Außerdem hatten SD-Angehörige zwar eine Raute mit der Aufschrift „SD“ auf dem Ärmel getragen, nie aber ein entsprechendes Signet auf dem rechten Kragenspiegel ihrer Uniformen. Nicht zuletzt der Schnitt der Uniformjacken entspricht keineswegs SS-Uniformen, die Schulterklappen
weisen eine völlig andere Form und Struktur auf und die Gürtelschnallen entsprechen eben auch nicht denen von SS-Angehörigen mit dem berüchtigten Slogan „Meine Ehre heisst Treue“.

Wenn Sie über eine schnelle Online-Bildersuche mit dem Stichwort „Transportkorps Speer“ entsprechende, sicherlich problemlos zu erzielende Ergebnisse mit genauso gefundenen Uniformen des SD vergleichen, werden die Unterschiede evident sein.

Schließlich könnten über eine mögliche Ähnlichkeit des zentralen, eine Schirmmütze tragenden Uniformierten mit Adolf Eichmann immerhin unterschiedliche Ansichten bestehen. In meinen Augen weist der Abgebildete kaum Ähnlichkeiten mit den wenigen bekannten NS-Fotos
Eichmanns auf; die Gesichtszüge sind deutlich anders geschnitten, ebenso unterscheiden sich die Augen stark. Ein wichtiges Identifizierungsmerkmal bei solchen Vergleichen können häufig auch
die Ohren sein. Und wenn Sie diesbezüglich das Ihnen vorliegende Foto mit dem allseits bekannten Foto Eichmanns in der Uniform eines SS-Obersturmbannführers vergleichen, werden ebenfalls große
Abweichungen deutlich. In Ihrem Video ist auch von Eichmanns markanter Narbe auf der linken Kinnseite nichts zu sehen.

Zusammengefasst lässt sich also mit großer Bestimmtheit sagen, dass auf Ihrem Foto eindeutig keine SD-Angehörige zu sehen sind und im Zentrum keinesfalls Adolf Eichmann abgebildet ist.

In der Hoffnung, Ihnen damit weitergeholfen zu haben und
mit den besten Grüßen

Martin Cüppers

PD Dr. Martin Cüppers
Forschungsstelle Ludwigsburg
Universität Stuttgart
Abt. Neuere Geschichte
Schorndorfer Str 58
71638 Ludwigsburg