Schulleiter Uwe Runkel in seinem „Offenen Brief“ von Ende März 2017 auf der Homepage seiner Schule: „Der aktuelle Fall ist der erste, bei dem das Kollegium der Friedenauer Gemeinschaftsschule das Problem des Antisemitismus wahrgenommen hat.“
geschrieben am 8. April 2017
Marie-Josenhans-Institut dokumentiert Runkels „Offenen Brief“, der von der Homepage der Schule gelöscht wurde
Es war die erste öffentliche Reaktion von Uwe Runkel, Leiter der Gemeinschaftsschule Friedenau, auf das Mobbing gegen einen jüdischen Schüler an seiner Schule: Der „Offene Brief“, den Runkel Ende März auf der Homepage seiner Schule veröffentlicht hatte. Nun ist dieser Brief nicht mehr auf der Homepage der Schule zu finden … Das Marie-Josenhans-Institut dokumentiert den Brief daher an dieser Stelle im Wortlaut:
„Liebe Besucher/innen unserer Homepage,
folgender Artikel ist im London Jewish Chronicle über unsere Schule erschienen:
https://www.thejc.com/news/world/classmates-at-berlin-school-turn-from-friends-to-attackers-after-boy-reveals-he-is-jewish-1.434990
Wir gehen davon aus, dass in weiteren Medien über den Vorfall berichtet werden wird. Auch in den sozialen Netzwerken wird bereits darüber diskutiert.
Zunächst einmal möchten wir unser Bedauern und Entsetzen darüber kundtun, dass ein Schüler in seinem Schulalltag an unserer Schule Antisemitismus erfahren musste. Wir verlieren hier einen besonders engagierten und leistungsorientierten Schüler, der sich mit Freude für unsere Schule entschieden hat und diese als Chance für sich selbst und seine Entwicklung sah.
Seit 2016 ist die Friedenauer Gemeinschaftsschule „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, weil fast 80% der Schüler-/Elternschaft und der Pädagoginnen sich für die Ziele des Programms einsetzen möchten und dahinter stehen. Die Schule hat seitdem begonnen, ihr Programm nach und nach zu erweitern und gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern Projekte zu entwickeln, die in die Schulgemeinschaft eingebracht werden. Wir sind in diesem Rahmen eine Schule, die sich im Bereich Diskriminierung und Rassismus auf den Weg gemacht hat und ein lernendes System, das sich dem Thema als ein Schwerpunkt in der Schulentwicklung widmet. Dies sehen wir gerade deshalb als wichtig an, weil Vorurteile und Rassismus ein Teil des gesellschaftlichen Alltags sind, der sich in allen Bereichen der Gesellschaft wiederfindet. Dies gilt auch für den Lern- und Lebensort Schule. Hinter einem Thema und dessen Bearbeitung zu stehen heißt nicht, dass man es ausradieren kann und auch nicht, dass Fehler oder Fehleinschätzungen im Umgang mit Problemen ausgeschlossen sind.
Der aktuelle Fall ist der erste, bei dem das Kollegium der Friedenauer Gemeinschaftsschule das Problem des Antisemitismus wahrgenommen hat. Was die derzeitigen Ereignisse betrifft, wurde gegen die an dem Vorfall beteiligten Schüler von der Schule Strafanzeige erstattet. Weiterhin werden an der Schule die Möglichkeiten für Ordnungsmaßnahmen nach dem Schulgesetz ausgeschöpft. Die Schulkonferenz wird den Antrag an die Schulaufsicht stellen, dass die betreffenden Schüler die Schule verlassen müssen. Der im o. g. Artikel zitierte Schüler besucht unsere Schule schon seit mehreren Wochen nicht mehr.
Schon beim ersten Diskriminierungsvorfall, der uns zur Kenntnis gelangte, haben wir die Großeltern des Schülers, Zeitzeugen des Holocaust, in die Klasse eingeladen, um dort das Thema mit den Klassenkameraden des betroffenen Schülers aufzuarbeiten. Weiterhin wurde Kontakt mit dem Projekt Salaam-Schalom aufgenommen, um hier Unterstützung für entsprechende Klassenprojekte einzuholen.
Danach ereignete sich dann leider, außerhalb der Schule an einer Bushaltestelle, der Vorfall, der folglich zur Abmeldung des Schülers geführt hat.
Inzwischen hat die Schule Kontakt zur Antidiskriminierungsstelle der Senatsverwaltung aufgenommen, um sich auch dort Unterstützung einzuholen.
Wir hoffen, dass der betroffene Schüler sich von seinem Schock und seinen Diskriminierungserfahrungen erholt und wünschen ihm für den Rest seiner Schullaufbahn, nicht mehr mit solchen Konflikten und Vorfällen konfrontiert zu werden.
An unserer Schule werden wir weiterhin an dem Thema arbeiten und sehen das schlechte Beispiel der letzten Ereignisse als Chance daraus zu lernen und besser zu werden.
Schulleitung“